hier: Gewonnene Jahre: Altern in Deutschland.

Auszug:

Legende 1: „Das Alter beginnt mit 65 Jahren.“
Falsch. Die Vorstellung, das Alter würde mit einem bestimmten Lebensjahr beginnen, ist
zwar alt, aber dennoch eine soziale Konstruktion. Sie stammt aus der antiken Welt, hat in
Europa im Mittelalter und in der Neuzeit weitergelebt und ist auch in außereuropäischen
Kulturen verbreitet. Die wenigsten Menschen wussten früher genau, wie alt sie waren, und
es war für ihre Lebens- und Arbeitswelt auch nicht relevant. Mit dem modernen Staat, mit
der industriellen Arbeitswelt und mit den Rentensystemen des 20. Jahrhunderts haben
kalendarische Altersgrenzen praktische Wirkung für alle erlangt. Heute werden sie mehr
und mehr fragwürdig: Sie ignorieren, dass immer mehr Menschen in immer höherem Alter
zu einem aktiven und selbstbestimmten Leben fähig sind.

Legende 2: „Wenn man das kalendarische Alter kennt, weiß man viel über eine Person.“
Falsch. Je älter wir werden, desto weniger aussagekräftig wird das kalendarische Alter.
Während gleichaltrige Babys und Kleinkinder ihre Fertigkeiten und Bedürfnisse mit nur
wenigen Monaten Unterschied erwerben und ausbilden, nehmen die Unterschiede zwischen
den Erwachsenen immer mehr zu. Bis ins Jugendalter hinein erlaubt das kalendarische Alter
recht gute Rückschlüsse, aber im Erwachsenenalter vergrößern sich die Unterschiede zwischen
den Individuen zunehmend, da menschliche Entwicklung nicht im Abspielen eines
festgelegten Programms besteht, sondern aus der kontinuierlichen Wechselwirkung zwischen
biologischen, kulturellen und persönlichen Einflüssen entsteht. Im Alter sind die Unterschiede
zwischen Menschen gleichen Alters dann so groß, dass ein 70-Jähriger geistig ebenso leistungsfähig
sein kann wie ein 50-Jähriger, aber ebenso ein 70-Jähriger aussehen
und sich fühlen kann wie ein 90-Jähriger.

Legende 3: „Alte Menschen können nichts Neues mehr lernen.“
Falsch. So lange der Mensch lebt und nicht durch Krankheit stark beeinträchtigt ist, kann er
Neues lernen. Lernen und Veränderung hängen aber auch von den Ressourcen und den
Anreizen ab, die einer Person zur Verfügung stehen. Erwachsene lernen besonders gut,
wenn sie einen konkreten Nutzen erkennen und das neue Wissen anwenden können. Die
Bereitschaft, im Erwachsenenalter zu lernen, ist vor allem auch abhängig von der Vorbildung.

Legende 4: „Ältere Beschäftigte sind weniger produktiv.“
Falsch (in dieser allgemeinen Formulierung). Ältere und jüngere Beschäftigte unterscheiden
sich in ihren Stärken und Schwächen. Ältere Beschäftigte mögen körperlich weniger
kräftig und weniger reaktionsschnell sein, dafür haben sie im Allgemeinen mehr Erfahrung,
soziale Fertigkeiten und Alltagskompetenz. Produktivität hängt davon ab, wie diese Fähigkeiten
für die jeweilige Tätigkeit gewichtet sind und wie sie zum jeweiligen Arbeitsplatz
passen. In Betrieben, in denen die Wertschöpfung präzise gemessen werden kann, zeigt
sich, dass Arbeitsteilung und -organisation altersspezifische Vor- und Nachteile bis zur gegenwärtigen
Altersgrenze in etwa ausgleichen. Im Übrigen nehmen auch die Krankheitstage
nicht zu, wie ein weiteres gängiges Vorurteil lautet. Ältere Arbeitnehmer fehlen zwar
länger, wenn sie einmal krank sind, werden aber seltener krank als Jüngere. Jüngere und
Ältere unterscheiden sich auch nicht darin, wie häufig sie Verbesserungen und Innovationen
im Betrieb vorschlagen.

Legende 5: „Alte Menschen wollen mit moderner Technik nichts zu tun haben.“
Falsch. Auch sehr alte Menschen nutzen Technik gerne, wenn sie ihnen den Alltag erleichtert
und ihnen dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Viele ältere Menschen können dank technischer
Unterstützung ihren eigenen Haushalt führen und sich in ihrem außerhäuslichen
Umfeld besser zurechtfinden. Technik kann die Auswirkungen alterungsbedingter Einbußen
und Einschränkungen vermeiden, hinauszögern, ausgleichen und abschwächen, indem
sie Fähigkeiten trainiert, Alltagskompetenzen unterstützt und Vitalfunktionen überwacht.
Sie kann die Gewohnheiten und Vorlieben der Nutzer erlernen und bei Bedarf unterstützen.
Außerdem ist sie ein Tor zur Welt auch für Menschen mit körperlichen Einschränkungen –
immer mehr ältere Erwachsene nutzen das Internet.

Legende 6: „Die Alten nehmen den Jungen die Arbeitsplätze weg.“
Falsch. Die verstärkte Beschäftigung älterer Arbeitnehmer steht in der Volkswirtschaft
nicht grundsätzlich in Konkurrenz zu einer verstärkten Beschäftigung jüngerer Arbeitnehmer,
sondern kann sie im Gegenteil sogar fördern. Denn über eine Senkung der Lohnnebenkosten
und aufgrund niedrigerer Sozialversicherungsbeiträge trägt sie zur Schaffung neuer
Arbeitsplätze und zu gesteigertem wirtschaftlichen Wachstum bei. Frühverrentung hingegen
belastet durch höhere Sozialversicherungsbeiträge auch die jüngeren Arbeitnehmer und
steigert die preisbedingte Absatzschwäche der Produkte. Beides zusammen verringert die
Beschäftigung. Ganz in diesem Sinne zeigt es sich auch, dass in OECD-Ländern mit hoher
Frühverrentungsquote (z. B. Frankreich, Italien) die Jugendarbeitslosigkeit nicht etwa besonders
niedrig, sondern besonders hoch ist.

Legende 7: „Volkswirtschaften mit alternder Bevölkerung sind zum Nullwachstum verdammt.“
Falsch. Das Wirtschaftswachstum hängt vom Wachstum der Anzahl der Beschäftigten mal
deren Arbeitsstunden ab. Die Arbeitsproduktivität sinkt keineswegs unabänderlich mit dem
Alter der Beschäftigten (vgl. Legende 4). Durch verstärkte Aus- und Weiterbildung und
durch erhöhten Einsatz von Maschinen und Computern kann sie sogar weiter verbessert
werden. Auch die Anzahl der Beschäftigten muss nicht notwendigerweise sinken, wenn
mehr alte Menschen in dieser Gesellschaft leben. Wir haben in Deutschland im internationalen
Vergleich ein niedriges Niveau der Beschäftigung von Frauen und älteren Menschen.
Wenn man über die nächsten 25 Jahre die Erwerbsquoten in Deutschland an die der Nachbarn
Dänemark und Schweiz angleicht, kann der Altersstrukturwandel fast vollständig ausgeglichen
werden. Ob wir auch in Zukunft das gleiche Wirtschaftswachstum wie heute oder
ein Nullwachstum haben werden, hängt also ganz entscheidend von unseren Anstrengungen
ab, höhere Beschäftigungsquoten zu erzielen und die Beschäftigten besser aus- und weiterzubilden.

Legende 8: „Ältere Arbeitnehmer müssen durch besondere Regeln geschützt werden.“
Falsch (in dieser Pauschalität). Ein starker Schutz der Älteren, die einen Arbeitsplatz
besitzen(„Insider“), kann sich gegen diejenigen älteren Menschen wenden, die keinen
Arbeitsplatz haben oder ihn gerade verloren haben („Outsider“). Soweit Betriebe beispielsweise
davon ausgehen, dass ältere Arbeitnehmer einem erhöhten Kündigungsschutz unterliegen,
werden sie bei der Neueinstellung von Arbeitnehmern jüngere Arbeitnehmer mit
geringerem Kündigungsschutz vorziehen, um sich so eine höhere Flexibilität des Personalbestandes
zu erhalten.

Legende 9: „Steigende Lebenserwartung bedeutet mehr Krankheit und Pflege.“
Falsch. Gesundheitliche Einschränkungen und chronische Behinderungen im Alter haben
sowohl bei Männern als auch bei Frauen im Vergleich zu früheren Jahren abgenommen. Die
durchschnittliche gesunde Lebenszeit jenseits des 65. Lebensjahres ist allein in der Dekade
der 1990er um zweieinhalb bzw. eineinhalb Jahre gestiegen (Männer/Frauen). Schlaganfall
oder Herzinfarkt werden dank des medizinischen Fortschritts heute öfter überlebt. Beeinträchtigungen
durch diese Erkrankungen werden seltener, und sie können mit modernen
technischen und medizinischen Hilfsmitteln heute besser ertragen werden. Die Lebensqualität
ist trotz chronischer Krankheit und/oder Behinderung besser als früher. Insgesamt hat
das Risiko, pflegebedürftig zu werden, in Deutschland in den letzten Jahren abgenommen.

Legende 10: „Prävention und Rehabilitation können im Alter nichts mehr bewirken.“
Falsch. Prävention und Rehabilitation sind in allen Lebensphasen, aber gerade auch im
Alter unerlässlich und effektiv. Alte Menschen profitieren enorm von gezielter und früh einsetzender
Rehabilitation etwa nach einem Schlaganfall, Herzinfarkt oder Sturz. Behinderung
und Pflegebedürftigkeit können dadurch oft verhindert werden. Gesunde Ernährung,
körperliche Aktivität, Nicht-Rauchen und Schutz vor Passivrauchen sind die Grundpfeiler
von Gesundheitsförderung und Prävention. Deshalb sollte auf individueller und staatlicher
Ebene alles getan werden, um besseres Ernährungsverhalten, mehr körperliche Aktivität
und weniger Zigarettenkonsum in der Bevölkerung zu erreichen. Die individuelle Leistungsfähigkeit
ist keine statische Eigenschaft, sie kann und muss durch Aktivität und Lebensweise
erhalten oder immer wieder hergestellt werden.

Legende 11: „Altern führt zu geringerer Mobilität.“
Falsch. Ältere Menschen sind vielfältig mobil, wenngleich sich die Mobilitätszwecke verändern.
Mobilität und Aktivität stehen in einem engen Wechselverhältnis. Das gilt für die
alltäglichen Mobilitätsformen und die Wohnortwechsel im Lebensverlauf. Allerdings sind
oft die Mobilitätsbedürfnisse der Alten und die Mobilitätsangebote ihrer Umgebung nicht
richtig aufeinander abgestimmt. So werden ältere Menschen zu früh und gezwungenermaßen
immobil, bewegen sich weniger in der Öffentlichkeit, nehmen weniger Angebote wahr
und leben mit einer Infrastruktur, die nicht optimal für eine Gesellschaft aller Alter eingerichtet
ist.

Legende 12: „Alte Menschen fallen ihren Angehörigen zur Last.“
Falsch. Insgesamt unterstützen alte Menschen ihre Angehörigen in der Regel mehr, als sie
von ihnen unterstützt werden. Das geschieht finanziell, aber auch in Form praktischer Hilfe,
z. B. durch Mithilfe im Haushalt und durch Betreuung der Enkelkinder, wenn die Eltern
abwesend sind. Wenn man die finanziellen Leistungen zwischen den Generationen in der
Familie und den Geldwert solcher Arbeitsleistungen zusammenrechnet, so sind die Älteren
bis zum 80. Lebensjahr die Gebenden, erst danach überwiegt das Nehmen. Sie tragen maßgeblich
dazu bei, dass junge Erwachsene die Schwierigkeiten des Berufseinstiegs und der
Familiengründung besser meistern können. Darüber hinaus engagieren sich die Älteren
auch in beträchtlichem Maße im ehrenamtlichen Bereich.

Legende 13: „Ein Kampf der Generationen steht bevor.“
Falsch. Die empirische Forschung zeigt: Weder in Familie und Zivilgesellschaft noch in der
Politik nehmen die Gegensätze zwischen den Generationen stärker zu als der Zusammenhalt
zwischen ihnen. Außerdem: Das Alter ist eine Lebensphase, die alle erreichen möchten.
Insofern würde man als Junger in einem Kampf der Generationen in gewisser Weise gegen
sich selbst kämpfen.

Legende 14: „An den demographischen Wandel muss sich unsere Gesellschaft durch Seniorenpolitik
anpassen.“
Falsch. Politik für Alte muss sich auf den ganzen Lebenslauf richten. Denken wir vom Alter
her, müssen wir das Gesamtsystem verändern – zum Wohle aller. Versuchen wir zum Beispiel
nicht die frühen Bildungsprozesse zu optimieren, rächt sich das ein Leben lang, bis ins
hohe Alter hinein. Kümmern wir uns nicht um die Optimierung des Humanvermögens und
damit der Produktivität, so fehlen die Ressourcen zur Finanzierung von Gesundheitsleistungen
und Renten im Alter. Verbessert man die Vereinbarkeit von Familie und Beruf,
erhöht sich die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt und damit die Produktivität, die
wiederum wichtige Ressourcen für das Alter zur Verfügung stellt.

Legende 15: „Alternde Gesellschaften sind reformunfähig.“
Falsch. Eher ist das Gegenteil der Fall: im Hinblick auf die Reorganisation der Arbeitswelt,
des Bildungssystems, der sozialstaatlichen Regeln u. a. enthüllt und verstärkt das demographische
Altern den Reformbedarf; es erhöht den politischen Handlungsdruck. Falls sich die
Institutionen und die Mentalitäten dieser Herausforderung gewachsen zeigen, statt sie zu
blockieren, ist die Beschleunigung von Neuerung und Anpassung, ist gesellschaftliche
Dynamik die Folge.