„Mit der Arbeit ist es so wie mit dem Euro:
Wer drinnen ist, will raus,
wer draußen ist, will rein.“
(Prof. Christine Swientek)

Das Magazin Die BAGSO Nachrichten (04/2013) kommt mit der Überschrift ARBEITEN IM ALTER.

Neben Hintergrundinformationen gibt es auch viele Tips.
Der einleitende Satz von Frau Prof. Swientek stammt aus der Glosse „Wie lange noch?“ (Seite 24).

Hier der Auszug:

GLOSSE: WIE LANGE NOCH ?

Mit der Arbeit ist es so wie mit dem Euro:
Wer drinnen ist, will raus,
wer draußen ist, will rein.

Begibt man sich in Ansammlungen von Leuten um die 60, gibt es nur ein Thema: „Aufhören!“
„Wie lange willst du noch?“ Da fragt keiner, was gemeint ist – es könnte auch das Schwimmtraining sein oder die Finanzspritzen für den unersättlichen Nachwuchs oder die nervig vor sich hindümpelnde Ehe. Aber nein, jeder weiß, was gemeint ist: Arbeit, Fron, Frust, Maloche, in den Sielen hängen …
„Was heißt ‚willst’? Ich muss!“
„Und wie lange noch?“
Die Antwort haben sie alle parat: bis auf den Tag genau. Dann folgt das Klagen über die Politik, die uns alle so lange ausbeuten lassen will, bis wir tot am Arbeitsplatz zusammenbrechen.
Tot! Mit 66 ½ Jahren!
Um die Rente zu sparen!
Wenn mich der Hafer sticht und ich mich so richtig unbeliebt machen will, werfe ich ganz cool ein, wie das Rentensystem ursprünglich mal gemeint war: Ab 14 im Arbeitsprozess und wer die 70 dann noch erlebte, bekam Rente!
Heute teilt es sich eher in 30:30:30 auf. Aber das will keiner hören. Sie wollen nach 30 Jahren Schufterei schließlich noch was vom Leben haben. Und zwar gesund! Mit Rente!

Dann begebe ich mich in die Gesellschaft der 65-plus-Jährigen. Sie haben schon lange aufgehört, und wenn sie noch keinen neuen Job haben, sind sie am Suchen: Minijob gern wegen Bezahlung, notfalls
Ehrenamt – aber um Himmels willen raus, wichtig sein, Termine, Bedeutung und was um die Ohren
haben, bloß nicht nur im Großelternsessel bei Talk, Quiz und Co. vor sich hin dümpeln.
Gefeit sind nur die Schrebergartenbesitzer, die Großeltern vieler nahe wohnender Enkel und die fanatischen Sammler von irgendetwas, deren Leben sich abspielt zwischen Internetforen, Flohmärkten,
Sammlerkatalogen, Sammlerbörsen, Sammlerkästen und Tauschtreffen. Egal ob Schmetterlinge,
Briefmarken, Hufeisen, Bierflaschen oder Miniautos, das Jagdfieber überlagert alles – auch die
Überlegungen, noch mal irgend wie und irgendwo tätig zu werden.

Vor Kurzem habe ich eine Bauchlandung hingelegt. Ich habe bei einem Abendessen meinen Tischherrn, von dem ich wusste, dass er gerade 60 geworden war, gefragt: „Wie lange noch?“
Auch er wusste genau, was ich meinte, und erklärte mir zurechtweisend, dass es für ihn nicht den geringsten Anlass gebe aufzuhören. Und dann sprach er nicht mehr mit mir! Der arbeitet doch nicht etwa gern?

Prof. Dr. Christine Swientek

PS 1: Im August 2013 melden die Medien, dass das „Wunschrentenalter für die meisten Deutschen zwischen 55 und 64 Jahren“ liege … wenn es denn keine finanziellen Einbußen gäbe.
PS 2: Eine Freundin ruft mich an: Bloß raus aus dem „Zwangs-Dauerurlaub“ will sie, ein halbes Jahr nach Verrentung mit 61!

Hier ist das Magazin als PDF aufrufbar.