Ehrenamt statt Sozialstaat? Kritik der Engagementpolitik

Freiwilligenarbeit – Lösung für Finanznot und Personalmangel?

daraus:
„Monetarisierung des Ehrenamts

Trotz ständiger Werbung für das Ehrenamt ist Gratisarbeit nicht für alle selbstverständlich. Daher wird immer öfter mit Aufwandsentschädigungen aller Art gelockt. In der Gruppe der besonders umworbenen jüngeren Rentnerinnen und Rentner gibt es viele mit niedrigem Einkommen, die auf ein finanzielles Zubrot angewiesen sind. Sie arbeiten häufig als Thekenhilfe im Altencafé oder bei der Entlastung der Angehörigen von Demenzkranken auf Basis der sogenannten Übungsleiterpauschale des Einkommenssteuergesetzes, wonach nebenberuflich tätige beziehungsweise ehrenamtliche Trainer in Sportvereinen, Chorleiterinnen, aber auch Erzieher und Betreuerinnen bis zu 200 Euro im Monat steuer- und abgabenfrei einnehmen dürfen. Die zusätzlichen Betreuungskräfte für Pflegebedürftige nach SGB XI werden häufig von den Verbänden – nach einem Orientierungspraktikum und einer Kurzausbildung – auf 450-Euro-Basis beschäftigt. 2010 wurde eine Praxis, unter anderem der Arbeiterwohlfahrt, bekannt, Mini-Jobs in der Altenpflege mit Aufwandsentschädigungen in Höhe der Übungsleiterpauschale zeitlich und finanziell aufzustocken. Das rief zunächst Empörung hervor, denn hier wurden offensichtlich Steuererleichterungen für die Förderung des Ehrenamts zur Senkung von Personalkosten missbraucht. Die Kombination von Mini-Job und „Ehrenamt“ ist aber legal, so sehen es zumindest die Geringfügigkeitsrichtlinien der Sozialversicherungsträger vor.[8] Für ehrenamtlich Tätige gilt im Übrigen nicht das am 1. Januar 2015 in Kraft getretene Mindestlohngesetz.[9]“

(aus: Bundeszentrale für politische Bildung bpb)
Autor: Claudia Pinl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de