Daraus dieser Text:

„Das Paradoxon: Jeder will alt werden, doch keiner will alt sein. Der Begriff „Alter“ ist indessen unscharf geworden und heute nur noch als soziales Konstrukt zur organisatorischen Bewältigung des sozialen Lebens in einem Staat tauglich. (Wenn die prominente Model-Dompteuse Heidi Klum kurz vor ihrem 40. Geburtstag mit der tröstlichen Mitteilung zitiert wird, sie habe keine Angst vor dem Alter, so bewegt sich diese Definition etwas außerhalb unseres Betrachtungshorizontes.)

Die Fixierung eines festen Zeitpunkts für den Renteneintritt ist künstlich, da sie den individuellen Leistungszustand des Menschen und seinen Arbeitswillen nicht berücksichtigen kann. Derzeit wird er ohnehin notorisch unterlaufen; durchschnittlich verabschieden sich Menschen bei uns heute mit 58 Jahren aus der Erwerbstätigkeit.

Doch wenn der Mensch viel länger vital bleibt, wird die Frage zentral, wann er von Staats wegen aus dem Erwerbsleben gelöst werden soll. Die Verlängerung des offiziellen Arbeitslebens bis zum 67. Lebensjahr gibt eine mögliche Antwort. Doch was ist mit jenen, die weiterarbeiten wollen und dies gesundheitlich könnten? Denn zugespitzt lautet die Frage, ob der Mensch überhaupt je damit aufhören soll, segensreich tätig zu sein, sofern er dies noch vermag. Damit kann natürlich nicht gemeint sein, einen 75-jährigen Gerüstbauer in schwindelnde Höhen zu schicken oder einen fast 80-Jährigen ans Fließband zu stellen. Es kann überhaupt nicht Sinn der Sache sein, die Pensionsgrenze immer weiter nach oben zu verschieben.

Das dritte Lebensalter wird ja gerade definiert durch ein erhebliches Maß an Erfüllung, Freiheit und Zufriedenheit; nicht durch verordnete Zwangsbeschäftigung. Natürlich gibt es seit jeher auch miesepetrige Alte. Nicht jeden entzückt es, wenn die Geburtstagstorte einem Fackelzug gleicht. Der römische Philosoph Marcus Tullius Cicero schrieb um 45 vor Christus, vor allem solche Alte würden das Leben als beschwerlich empfinden, die schon in jungen Jahren unglücklich gewesen seien. Er plädierte für ein aktives Alter. Allerdings war nicht jeder so reich wie Cicero; früheren Generationen blieb mangels staatlicher Rente meist nichts anderes übrig als bis zu Unfähigkeit oder Tod zu arbeiten. Wenn der französische Philosoph und Humanist Michel de Montaigne im 16. Jahrhundert beklagte, dass sich zu viele viel zu früh aufs inaktive Altenteil zurückzögen, bezog sich dies vorrangig auf privilegierte Schichten. Doch sein Aufruf zu einem prallen, aktiven Alter ist ungebrochen aktuell.

Die Vorstellung vom „Ruhestand“ im Wortsinne verblasst. Als Dwight D. Eisenhower, US-Präsident von 1953 bis 1961, gegen Ende seiner Amtszeit gefragt wurde, wie er seinen Ruhestand gestalten wollen, antwortete er: „Ich werde einen Schaukelstuhl auf meine Veranda stellen und erst einmal ein halbes Jahr darin sitzen. Dann werde ich vielleicht anfangen, ein klein wenig zu schaukeln.“ Undenkbar für einen Bill Clinton, Paradebeispiel für einen „Silver Ager“, wie die silberhaarigen Unruheständler genannt werden.

Die Lebensskizze des stark verlängerten und qualitativ besseren Lebens muss neu gezeichnet werden; ebenso das bisherige, oft deprimierende Bild vom Alter. Denn Alter ist durchaus kein „kaltes Fieber“, wie Goethe schrieb. Man muss nicht so destruktiv damit umgehen wie der Maler Eugene Delacroix, der 1850 einem Freund schrieb: „Ich glaube, es gibt niemanden, der die Enttäuschung oder vielmehr die Verzweiflung des reiferen und des hohen Alters jemals beschrieben hätte.“ Die Malerin Paula Modersohn-Becker notierte dagegen 1900: „Seid Idealisten bis ins Greisenalter. Idealisten, die eine Idee verkörpern. Dann habt Ihr gelebt.“ Zu Recht schrieb Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in seinem Buch „Das Methusalem-Komplott“: „Wir kranken daran, dass Älterwerden von anderen definiert wird – in der Regel von Jüngeren, die selbst noch keine Erfahrung damit haben„. Ohnehin ist Alter eine Momentaufnahme.“

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